Die Flippers

Weine nicht kleine Eva (1969)

Nur nicht heulen, bitte

von Kai Schreiber

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Friedrich von Logau, der sicherlich einmal ein großer Flippers-Freund geworden wäre, hätte er die Sauburschen nur kennenlernen dürfen, hat einmal nachdenklich gesagt: "O Welt, bei Deinen Sachen ist Weinen mehr als Lachen", und vielleicht ist die tiefe Einsicht dieser Sentenz in das Wesen des Werkes der Flippers es mehr noch als ihre gehaltliche Verwandtschaft mit dem ersten Hit der ursprünglich 1965 als "Dancing Show Band" gegründeten Megastars, die uns glauben macht, von Logau wäre den Flippers sicherlich, über lange Jahrhunderte und kulturelle Abgründe hinweg, äußerst zugetan gewesen.

"Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht, wo an der nächsten Ecke schon ein andrer steht", fragt Arthur Rebner kaum 300 Jahre später in der unsterblichen Operette "Die Scheidungsreise" (Musik von Hugo Hirsch), die wohl die Flippers zweifellos inspiriert haben wird zu ihrem schönen Erfolg von ‘69, obwohl die zentrale Aussage ihres Stückes dem Satze Rebners ja eigentlich krude entgegensteht: Zwar "weine nicht kleine Eva" heißt es da ja im Titel wie Text eindeutig und mehrfach, genauer: "weine nicht kleine Eva, wenn ich heut auch von Dir geh’", aber von der fröhlichen Weltzugewandtheit Rebners ist dabei weit und breit keine Spur zu finden.

‘Bloß nicht heulen, alte Suse’ nämlich heißt die Parole bei den Flippers eigentlich, und was Eva recht ist, das ist, mit den alten Römern zu sprechen, den Ochsen, und damit auch den Hörern, billig, vielleicht zu billig. Nicht weinen soll man also, wenn man das Stück hört? Leicht gesagt, bzw. gesungen, aber heißt es nicht schon bei Ovid: "Im Weinen liegt eine gewisse Wonne" (Tristia)? Wie also? Wollen die Flippers der Eva den Abschied und uns das Hören noch erschweren, uns allen diese letzte, ja, eben: Wonne nehmen? Wollen sie Even gar mit Schiller fordernd zurufen: "Teures Weib, gebiete Deinen Tränen!" (in "Hektors Abschied")? Sollte hinter dem weichen Kern der freundlichen Schlagerjungs von Nebenan sich doch eine harte Schale verbergen, an der Eva kräftig zu kauen hätte?

Ach, wie nötig zum Trost wird doch das arme Kind seine Tränen haben, die ihr übrigens originellerweise schon ganz nah zu sein scheinen: "Schau mich an, kleine Eva, sind die Tränen dir auch nah", heißt es im Text, und "die Tränen sind des Schmerzes heilig Recht" soll von Grillparzers diesbezüglich nicht umsonst in die "Sappho" hineingeschrieben haben. Kein Verbieten stelle sich zwischen den Trauernden und sein heilig Recht – denn "siehe die Trauer, sie ist Trauernden einziger Trost" (Robert Hamerling). So ist es denn verständlich, daß die Tränen ihr nah sind, dennoch aber soll Eva nicht weinen, trotz "wenn ich heut auch von dir geh" und Musik, aber immerhin: "Ich werd dich nicht vergessen, bald will ich dich wiedersehn", bzw. "ich werd immer an dich denken, bis ich komm im nächsten Jahr" verpricht der Sänger leichthin, und vielleicht tut er gut daran, zu solchem Vorsatz das Heulen gar nicht erst zu gestatten, denn "die Tränen lassen nichts gelingen, wer schaffen will, muß fröhlich sein" heißt es bei Fontane, und jeder weiß, wenn erstmal die Frauen heulen, dann hat auch der Mann beileibe zwar nicht nah am Wasser gebaut, oh nein!, aber doch zu kämpfen mit sich: "Was will die einsame Träne" fragt Heine darum nüchtern, und die Antwort ist ihm selber klar: nichts will sie. Finge also erst einmal Eva an zu flennen, horribile dictu!, dann wäre hier kein Halten mehr, dann bräche es aus dem Sänger, ja aus allen Flippers gleichfalls wie ein Sturzbach hervor und spülte uns schnurstracks alle runter. Gnade uns Gott.

Freilich mag—"die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten" (Psalm 126,5)— freilich mag ein Abschied unter Schleusenöffnung ein desto herzlicheres, innigeres Wiedersehen mit den geliebten Schlagerfuzzis für die gute Eva implizieren, und man ahnt jetzt, in welchen Konflikt die simple Aufforderung unsere Heldin stürzt und wie wenig Halt ihr der bisherige Textverlauf in Bezug auf Taruerarbeit und Tränenfrage zu geben vermag.

Mehr dürfte ihr da schon der Ring gelten, den sie erhält, denn "der Ring macht Ehen" läßt Schiller in "Maria Stuart" sagen, und so muß Eva sich denn wohl gestärkt fühlen, als sie hört: "Nimm diesen Ring von mir, er soll dir sagen, daß ich treu dir bin. Das kleine Souvenir trag stets an einer Hand von dir." Mag sein, daß ihr die letzte Anweisung ein wenig im Dunkel bleibt, mag sein der Ring ist bloß aus Weißblech und war mal eine Dose, eins ist gewiß: ums Weinen, zumal ums hoffnungslose, verzweifelte Tränenvergießen voll Schmerz, ist es nach Erhalt des Ringleins erstmal geschehn. Obwohl natürlich Vergil uns mahnt: "auch die Dinge haben Tränen" und es aller sprechenden Ringe zum Trotz eben doch sein kann, daß die lauwarme Combo sich bald anderem zuwendet, den "Mädchen von Capri" etwa, sich "die rote Sonne von Barbados" auf den nackten Bauch scheinen läßt, oder in Fernost einer zierlichen "Lotosblume" Avancen macht. Sie wären nicht die ersten Schlagerstars, die in aller Öffentlichkeit schamlos ewige Treue schworen, nur um im nächsten Lied zur selben Melodie mit einer X-beliebigen anderen anzubandeln.

"Einen Kuss noch, kleine Eva", flöten die Erzgauner dennoch siegessicher, die Kleine ist mit eitel Geschmeide und lauen Tönen ja längst gefügig gemacht und wird sie wohl gewähren lassen, "einen Kuss noch kleine Eva, bis zu unserm Wiedersehn" und man muß laut und hämisch lachen. Jawohl, Wiedersehn, naive Gans, depperte, laß Dich nur einwickeln und mit Ringen und blöden Sprüchen um deine gerechte Trauer bringen: "die Tränen und die Seufzer, die kamen hinternach", das wußte schon der alte Heine, und die jungen Frauen werden schon noch sehen, wohin es sie führt, wenn sie sich windigen Figuren aus dem Bereich saumseliger Popkultur ergeben. Ich wünsche mir herzlich, davon aus ihrem eignen Mund Nachricht zu erhalten. Und—dann bitte bloß nicht heulen.