Perry Rodent
Die Ratte des Universums

 

Folge 19 - Jagd nach dem Futter

Was bisher geschah:

Viel ist geschehen, seit die Einsatzgruppe "Dusty Star" unter der Leitung von Perry Rodent den Käfig verlassen hat, um neues Futter zu suchen. Während Rodent versucht den rätselhaften Ungeheuerlichen, der mit der Frittenmacht identisch zu sein scheint, dazu zu bewegen, neues Futter zu bringen, und Wolpertinger den Haufen der Ameisen erforscht, ist im Käfig selbst die Lage mehr als kritisch. Der drohende Hunger und die Umtriebe des Rattenkönigs machen der Käfigleitung um Gershwin ohnehin schwer zu schaffen, als der Angriff eines Monsters die Lage kompliziert. Derweil entdecken Rodent und seine Gefährten mit Hilfe der Ameisen einen gewaltigen Haufen Futter und machen sich auf den Rückweg zum Käfig, wo man die Rückkehrer glücklich begrüßt. Und nun ist es der König der Ratten, der Schwierigkeiten bekommt: er macht sich auf die JAGD NACH DEM FUTTER.

Die Augen traten der geduckt kauernden Ratte schier aus den Höhlen, und der kraftvoll und nervös ausschlagende Schwanz verriet ein Übriges, doch behrrschte Wolpertinger sich mit aller Kraft und hielt den mächtigen Bildern stand, die vor ihm im Tanz der kleinen schwarzen Punkte entstanden und wieder vergingen. Mitunter vergaß er zwischendurch das Atmen, doch wurde er von Bull, der aufmerksam, aber ratlos an seiner Seite saß, stets durch einen Schlag mit der Pfote daran erinnert und sog dann rasselnd und abwesend die Luft ein.
"Das ist unglaublich", sagte Wolpertinger nun schon zum fünften Mal, und Bull nickte gelangweilt.
"Das hast Du schon, äh, ein paar Mal gesagt", pfiff er lustlos und wandte sich ab, "und solange Du mir nicht mehr sagst, mache ich ein kleines Nickerchen. Für mich sind das bloß blöde Ameisen."
Sprachs und warf sich demonstrativ in eine Ecke der Höhle und schloß die Augen. Nach einer kleinen Weile, in der Wolpertinger nichts sagte, öffnete Bull blinzelnd und mißtrauisch wieder eines, und bemerkte empört, daß der Wissenschaftler ihn überhaupt nicht beachtete.
"He", schnaubte er schließlich mehr verwundert, als ernstlich verärgert, "was machst Du denn da?"
"Das ist unglaublich, wirklich", murmelte Wolpertinger entrückt ein sechstes Mal. Nun wurde es Bull endlich zu bunt.
"Das würde ich aber auch sagen", grunzte er, setzte wie im Selbstgespräch ein "Frechheit" hintendran und verließ die Höhle, in der Wolpertinger ein wenig näher an die Wand hüpfte, um die Muster besser erkennen zu können.
*

"Wir gehen jetzt rein", sagte Rodent kurz, und ließ seinen Blick noch einmal über die versammelte Truppe schweifen, harte Ratten, kampferprobte Angehörige der Rattenpolizei, die mit allem rechneten.
"Gut möglich, daß es wirklich schlimm wird", sagte Rodent und nickte Mandala zu, "aber darüber kann Euch Mandala sicher mehr erzählen."
"Also, Ratten", schnaubte Mandala im gleichen zackigen Tonfall, den Rodent gebraucht hatte, "damit eins klar ist: das ist kein Spaziergang, glaube ich." Er zögerte kurz, und berichtigte sich dann rasch, "genauer gesagt, weiß ich es sogar. Äh." Er machte wieder eine kurze Pause, in der er sich hinter dem Ohr kratzte und nach schräg oben blickte. Ein paar nicht ganz so harte, kampferprobte Ratten im Sonderkommando "König" folgten seinem Blick und stellten erstaunt fest, daß sie dort nichts entdecken konnten. Beeindruckt blickten sie wieder zurück auf Mandala, der sich fertiggekratzt hatte, und schneidig fortfuhr.
"Der König der Ratten hat uns gewisse Schwierigkeiten gemacht, sich jetzt aber schon länger nicht mehr gerührt. Vielleicht ist er tot, vielleicht ist er auch einfach, äh, einfach nicht, äh." Mandala blickte hilfesuchend zu Rodent, der freundlich lächelte und den Satz zuende führte.
"Vielleicht ist er auch einfach nicht zu Hause", sagte er ruhig. "Wir wissen es nicht. Ich habe unseren besten Wissenschaftler auf den Fall angesetzt, aber wie es scheint, können wir nicht auf die Ergebnisse warten." Er blickte kurz Bull an, der in gespielter Verzweiflung die Augen rollte und dabei das Gleichgewicht verlor und zur Seite kippte, und fuhr dann fort. "Daher werden wir die Höhle jetzt stürmen. Wir machen keine Gefangenen, sondern überwältigen die Mitglieder des Verwandtenkorps einfach, ohne daß jemandem etwas passiert, und bringen sie dann raus. Noch Fragen?"
Die kampferprobte Truppe saß stumm, ein paar starrten immer noch ratlos nach oben, und so sprach Perry Rodent schließlich die Worte, die den Anfang vom Ende des Rattenkönigs bedeuteten.
"Äh, also auf gehts", murmelte er stramm, und bewundernde Blicke trafen ihn von allen Seiten, während die Mutigsten der Harten schon ihre Nasen in den Höhleneingang steckten und ihre Schnurrhaare vibrieren ließen.
"Äh, also auf gehts", wiederholte eine junge Ratte ehrfürchtig. "Wie er das gesagt hat. Toll."
Eine andere nickte abwesend. "Schon. Ich frag mich nur, was das oben Mandala zur Überzeugung gebracht hat, daß das kein Spaziergang wird. Ich kann nichts entdecken."
"Deswegen", triumphierte eine dritte, "ist Mandala ja auch Chefratte und Du bloß Polizei."

*

Mit noch immer geweiteten Augen verfolgte Wolpertinger den Verlauf des Vorstoß Rodents in die Höhle, die der König der Ratten bewohnt hatte. Er sah, wie die beiden Wachen, die der König am Durchbruch nach drüben postiert hatte, von den erfahrenen Kämpfern Mandalas im Handumdrehen überwältigt und aus der Höhle geführt wurden. Und, je weiter die Ameisenstraße in den Bau auf der anderen Seite vordrang, er sah auch, wie drüben Aufregung unter den Posten des Königs ausbrach, die längst auch vom Hunger geschwächt waren. Noch konnte Wolpertinger in den Mustern der Ameisen vor ihm auf der Mauer den Bau der Wildratten nicht in seiner Gänze zu sehen, dazu war das Netz der Ameisen noch zu wenig dicht, doch schon jetzt glaubte er zu ahnen, wo sich der König aufhielt.
Plötzlich jedoch liefen Wellen über das Bild, Ameisenschlieren bildeten sich im Muster und eine merkwürdige Mischung aus Sprache und Bild übermannte den Wissenschaftler. Als die Nachricht beendet war, blieb Wolpertinger noch einen Moment gebannt sitzen, dann machte er sich auf zu Rodent. Unglaubliche Entwicklungen deuteten sich an.

Er fand Rodent und Mandala in der ehemaligen Höhle des Königs, wo sie ratlos mit Bull und den beiden ehemaligen Verwandten Hupsi und Dotz herumsaßen und von den Anstrengungen des Vorstoßes ausruhten.
Rasch erläuterte Wolpertinger den verblüfften Ratten, wie die Ameisen ihm ermöglichten, alles zu sehen, was entlang ihrer Straßen vorging. Daß er deshalb schon wußte, daß nur zwei Verwandte den Durchgang nach drüben bewacht hatten, die so geschwächt waren, daß sie leicht zu überwältigen waren. Daß er ungefähr wußte, wie es auf der anderen Seite aussah, und, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis er auch den König fände. Die größte Überraschung hab er sich jedoch bis zum Schluß auf und setzte sich in Positur.
"Ich habe eine Nachricht von der Königin des Haufens erhalten", pfiff er. "Sie will in den Käfig einziehen. Sie ist schon auf dem Weg."
Kurzes Schweigen folgte dieser Mitteilung, dann quiekten alle aufgeregt durcheinander.
"Nicht schon wieder eine Königin", stöhnte Mandala.

Der König hielt sich in unmittelbarer Nähe des Nahrungsdepots des Baus der Wildratten auf, das konnte Wolpertinger deutlich erkennen. In der Vorratskammer hatten sich die letzten Wildratten verschanzt, und versuchten verzweifelt, sich nach draußen zu wühlen, bevor der König sie erwischte. Der ließ derweil mit größter Eile den Weg zum Futter erweitern, und sobald er hindurchpaßte, würden die Wildratten und ihr Futter in seiner Pfote sein. Dann bedeuteten auch seine Kämpfer wieder eine Gefahr, und niemand wußte, wer im Falle eines Kampfes gewinnen mochte - der König oder der Käfig.
"Die Sache mit diesen Ameisen gefällt mir nicht", brummte Bull, aber noch weniger gefällt mir die Aussicht, von einem dicken König regiert zu werden. Wir müssen ihn aufhalten, ehe er diese Vorräte erreicht."
Rodent wiegte schwer das Haupt. "Gut gesprochen, Dicker", grunzte er. "Aber wie?"

Der Durchgang zu den Wildratten ist durch Rodent und Mandala besetzt worden, und mit Hilfe der Ameisen kann Wolpertinger jederzeit erfahren, was auf der anderen Seite geschieht. Beste Aussichten also, den gefürchteten König der Ratten nun endlich zu beseitigen. Doch grade, als man sich zum Angriff anschickt, taucht unerwartet eine weitere Partei auf: Der Einsamer der Zeit. Mit der Folge dieses Titels startet der dritte Zyklus der Serie: Ratlan und Ärger.