Genista-Verlag
Das letzte Wort

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Tom Wolf
Das letzte Wort

8,40 Euro
ISBN 3-930171-02-3

 

Eine Sammlung schöner, guter und wahrer Texte entlang den Buchstaben des Alphabets (inklusive Umlaute). 154 Seiten.

Ebenfalls von Tom Wolf: Streusel, Der Gralsritter und die Fledermaus, Stürmer.

Textauszug

Wie ein Grab zum anderen kommt, langsam ein Friedhof entsteht oder eine Kette von Hügeln entlang eines Weges - so setzen die Nachkommen das Tun der Alten fort. Darüber hinaus lebt bei den Jungen oftmals der Brauch einer sehr viel älteren Zeit wieder auf. In der Regel liegt die Weisheit quer zwischen den Stühlen, wie hingefallen.

Traumgesicht: Seit Wochen zittert die Stadt vor einem bestialischen Mörder, der in den Vorortzügen umgeht, besonders nachts. Es ist schon nach Mitternacht, und ich sitze im letzten Vorortzug. Außer mir ist nur noch eine zahnlose Alte im Wagen. Plötzlich steht sie mit einem langen Messer vor mir und grinst. Erst als sie zusticht, bemerke ich, daß die Waffe aus Gummi ist. Eine Irre! Verrückt vor Angst? Plötzlich sitze ich in einem anderen Zug. Die Namen der Vororte sind mir nicht mehr vertraut, genaugenommen weiß ich nicht einmal, ob es Vororte sind.

Der Regen schlägt immer höhere Wellen am Fenster, und in meiner Vorstellung versinkt das Haus in einer aufschäumenden Sturmflut. Die Riesenbäume des Gartens sind in Wahrheit Unterwasserpflanzen, und das gesamte Anwesen stellt eine Tiefseeforschungsstation dar. Eine Weile spinne ich das Bild aus. Dann wird es draussen heller. Die Station hat sich vom Grund losgerissen und ist ohne hinreichende Dekompression aufgetaucht. Alle Insassen sterben qualvoll an geplatzten Lungen.

Meine unstillbare Liebe zu Gewittern. Ich rücke behaglich Stuhl und Tisch ans Fenster, wenn sich fern etwas zusammenbraut, lange bevor auch nur ein Donner an die Ruhe gerührt hat. Als Kind lief ich aufs Feld und begrüßte das herangekommene Gewitter zu aller Entsetzen mit winkenden, weitausgebreiteten Armen. Wie öde ist dagegen ein Schnürlregen: ein scheinbar immerwährender Applaus für ein scheinbar unendliches Stück.

Manche Menschen spüren instinktiv, wenn über sie geredet wird. Andere vermuten es stets, aber es trifft nie zu. Das erste ist ein geheimes Wissen um die eigene Bedeutung. Das zweite der verzweifelte Glaube an sie. Ich sah bezüglich des Geredes lange Zeit Gespenster.